Internationaler Frauentag im Literaturhaus Zürich:

Produktive Unruhe über Mittag

Aus Anlass des internationalen Frauentages veranstaltete das Literaturhaus Zürich  gestern ein Podiumsgespräch zum Thema , das ich besucht habe. Anwesende Gäste waren die Autorin Ruth Schweikert, die Slampoetin Amina Abdulkadir und die Genderforscherin Franziska Schutzbach. Geleitet wurde die Diskussion von Gesa Schneider, Leiterin des Literaturhauses. Erklärtes Ziel des Anlasses war es, Handlungsaufforderungen zu finden zu frauenspezifischen Problemstellungen, denen weibliche Autorinnen in ihrem Kontakt mit der Öffentlichkeit und insbesondere dem Literaturbetrieb begegnen.

Das Gespräch streifte den frauenspezifischen Fragekatalog, der etwa die berühmte Frage an Frauen "wie schaffen Sie es Familie und Beruf zu vereinen" beinhaltet. Die Podiumsteilnehmerinnen waren sich einig, dass Männer diese Frage nie zu hören bekämen. Die davon abgeleitete Handlungsaufforderung liest sich leider geradezu grotestk: Frauen sollten doch auch zu ihrer literarischen Arbeit befragt werden. Längst eine Selbstverständlichkeit würde man denken. Leider nicht erwähnt wurde die meiner Ansicht nach noch dringendere, weil gesellschaftlich immer noch tabuisierte Möglichkeit, männliche Autoren inskünftig ebenfalls zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu befragen, um damit diskursiv die Selbstverständlichkeit der solidarischen Verantwortlichkeit von beiden Elternteilen für Familie und Beruf zu etablieren. 

Ruth Schweikert machte den wichtigen Hinweis auf die spezifisch weibliche Arbeitserfahrung von Autorinnen und erzählte aus ihrer eigenen literarischen Praxis, dass es für sie beispielsweise besonders schwierig und zeitweise unmöglich gewesen wäre, während ihrer Schwangerschaft mit Zwillingen zu schreiben, weil sie die Vorstellung schlicht überforderte, gleichzeitig einen Roman und zwei Menschen zu schaffen.

Slampoetin Amina Abdulkadir erklärte, dass sie aufgrund von gesellschaftlicher Ausgrenzung, in ihrem Fall aus Rassismus, gelernt hatte, sich nicht vom Urteil der Gesellschaft um sie herum abhängig zu machen und deshalb "blind" sei für das, was von ihr als Frau gesellschaftlich erwartet werde. Mir selbst, als Kind einer alleinerziehenden Mutter, aufgewachsen in einem engen Dorf in den 80er Jahren, kam diese Haltung ganz bekannt vor. Die Genderforscherin Franziska Schutzbach erinnerte in diesem Zusammenhang an die aus dem italienischen Feminismus stammende Strategie des Affidamento, die darin bestand, sich nicht dem Urteil des Patriarchats zu unterwerfen, sondern den eigenen Referenzrahmen dahingehend zu verschieben, dass man nur auf weibliche Meinungen zählte, sein Gedicht etwa für die beste Freundin verfasste, Kunst machte, die der eigenen Mutter gefallen würde.

Etwas irritiert hat mich die Äusserung der Diskussionsleiterin Gesa Schneider, dass Frauen, die es im Literaturbetrieb zu etwas bringen wollten, nicht heiraten und niemals finanzielle Unterstützung von ihren Lebenspartnern annehmen dürften. Dem Raunen, das durch den Saal ging zufolge, war ich nicht die einzige, die an der Gültigkeit dieser Aussage in der heutigen Zeit zweifelte. Die Revision des Schweizer Eherechts liegt immerhin einige Dekaden hinter uns und damit im letzten Jahrhundert oder Jahrtausend zurück, je nach dramatischem Bedürfnis. Zumindest fraglich dürfte der Nutzen dieses Ratschlags sein, da genügend Frauen (auch Schriftstellerinnen), verheiratet und erfolgreich sind, meines Kenntnisstands auch die anwesende Ruth Schweikert. Niemand würde ausserdem je eine Heirat für berufstätige Männer zum Karriererisiko erklären. Und warum sollten sich Frauen, die ein Start-Up gründen (der Anfang einer Kunst-/Literaturkarriere ist durchaus ein Start-Up) nicht bis zu den schwarzen Zahlen von einem Partner finanziell unterstützen lassen? Ich kenne genug sechzigjährige Männer, die auf erfolgreiche Karrieren zurückblicken und deren jahrelanges Doktoratsstudium damals komplett von ihren erwerbstätigen Ehefrauen finanziert wurde, die etwa als Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern oder Sekretärinnen sichere Einkommen hatten. Warum soll es ein Problem sein, wenn Frauen heute die gleichen Leistungen von ihren Partnern beziehen? Gleichstellung ist unter anderem dann erreicht, wenn Frauen sich genauso selbstverständlich von Männern unterstützen lassen, um ihre Karriere zu etablieren, sei es finanziell oder durch die väterliche Kinderbetreuung und sich nicht anhören müssen, dass damit etwas nicht in Ordnung ist.

Abschliessende Handlungsaufforderung von meiner Seite: Im Sinne der Gleichstellung sollten Frauen sich gegenseitig unterstützen, ungeachtet ihrer von einander abweichenden beruflichen und privaten Entscheidungen. Ein offener Meinungsaustausch, auch von diskrepanten feministischen Ansichten, wie ihn das Podiumsgespräch im Literaturhaus gestern bot, trägt wesentlich bei zur Meinungsbildung und zum politischen Weiterdenken.

Vielen Dank an Gesa Schneider und dem Literaturhaus Zürich für den gelungenen Anlass - gerne mehr davon!

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